Noch immer kein Frieden für „Tannöd“
13. Dezember 2007
Sie habe ihre Informationen für ihr Bestsellerbuch aus anderen Werken abgeschrieben. Harte Vorwürfe gegenüber der bayrischen Schriftstellerin und Hausfrau Andrea Maria Schenkel, die für „Tannöd“ in diesem Jahr den Deutschen Krimi Preis und den Friedrich-Glauser-Preis erhielt. Die aus Regensburg stammende Andrea Maria Schenkel greift in ihrem im Jahr 2006 erschienenen Roman „Tannöd“ den sagenumwobenen sechsfachen Mord auf dem Einödhof in Bayern auf, bei dem eine ganze Familie grausam ausgelöscht wurde.
Die 45-Jährige versetzt diesen realen Kriminalfall aus den 20er Jahren in die 50er Jahre und verpackt ihn ein Mosaik aus 39 Kapiteln und sechs Gebeten. Stilistisch gesehen betritt Schenkel mit dem unchronologischen Aufbau ihres Bestsellers im exemplarischen Vergleich mit dem Kriminalroman „Der Richter und sein Henker“ von Friedrich Dürrenmatt literarisches Neuland. Erfolgreich. Nicht nur der unchronologische Aufbau, sondern auch das stückweise Heranführen des Lesers an die Einzelheiten des Mordfalls durch die Befragung verschiedener Bewohner des kleinen, nur auf Außenstehende verträumt wirkende Dorf im tiefsten Bayern ist ein kennzeichnendes Merkmal des Romans. Auch der Mörder mit sprechendem Namen ist von vornherein in die Handlung integriert, sodass der Leser jeden Schritt des Mörders mit verfolgt. Diese Betrachtung des Mordfalls aus zwei Perspektiven hat einen Spannung erzeugenden Wechsel der Erzählweise mit jedem neuen Kapitel zur Folge. Durch den phasenweise verwendeten Dialekt in den Aussagen der Dorfbewohner wird dem Leser das Eintauchen in diese andere Welt zusätzlich erleichtert. Und obwohl es zunächst so scheint, als seien die einzelnen Kapitel wahllos und ohne Sinn ergebenden Zusammenhang hintereinander gereiht worden, vereinigen sich die einzelnen Teile des Mosaiks schließlich doch zu einem Ganzen. Und auch die sechs Gebete erfüllen ihren Zweck, indem sie den Leser in eine Art Trance versetzen und zusätzlich die geheimnisvolle Stimmung akzentuieren.
Schenkel ist es mit ihrem Debüt auf 125 Seiten gelungen, den Leser zum Ermittler werden zu lassen und ihn zugleich an das Buch zu fesseln. Eine Kunst, die manch renommiertem Krimiautor auf tausend Seiten nicht gelingt.
Auch Schenkels Folgewerk „Kalteis“ basiert auf einem authentischen Fall, der sich Ende der Vierziger Jahre in München ereignete. Durch „Kalteis“ konnte Andrea Maria Schenkel ein weiteres Mal ihr Talent in Bezug auf das Genre des Kriminalromans unter Beweis stellen. Der Glanz ihres Erfolges wird jedoch von den Vorwürfen des Schriftstellers und Journalisten Peter Leuschner getrübt. Der aus Ingolstadt stammende Autor des Buches „Hinterkaifeck – Deutschlands geheimnisvollster Mordfall“, welches ebenfalls den Mord auf dem Tannödhof aufrollt, beschuldigt Schenkel des Plagiats. Die 45-jährige Autorin konnte ihre Leserschaft jedoch trotz dieser Anschuldigungen durch ihre stilistische Originalität und Raffinesse von ihrem Erstlingswerk überzeugen.