Severin seine Rezension
12. Dezember 2007
Nebenher nen Bestseller? Na, Frau Schenkel, sollen wir ihnen das glauben?
„Nebenher“, abends, während ihre drei Kinder spielten, habe die 44-jährige Hausfrau und Arztgattin, Andrea Maria Schenkel einen Roman geschrieben, der über Monate die deutschen Bestsellerlisten anführte und neben dem Deuschen Krimipreis auch andere bedeutende Auszeichnungen, sowie herausragende Kritiken von ausgezeichneten Rezensenten erhalten hat.Und das alles ohne jegliche literarische Ausbildung, auf der Grundlage ihrer Begabung, frei nach dem Motto „ Ich versuch es einfach mal“. So mancher Germanistikstudent wird den Sinn seines Studiums, des unaufhörlichen Paukens und des schon vergossenen und noch zu vergießenden Schweißes bezweifeln wenn er dies hört. Von der Hausfrau zur gefeierten Autorin- mit dieser Idee könnte man nach Hollywood. Den Antrieb für ihren Roman gab ihr ein Zeitungsartikel über einen nie aufgeklärten Mord irgendwo in Nieder-Bayern. Tatsächlich wird auch genau jener Mord in „Tannöd“ aufgegriffen. Die Geschichte spielt in den 1950er Jahren. Eine ganze Familie wird über Nacht brutal mit einer Spitzhacke erschlagen. Noch nicht einmal vor den Kindern macht der Mörder halt. Vom Täter fehlt jede Spur. Ein Interviewer macht sich auf den Weg in „sein Dorf“ um mit den verängstigten Dorfbewohnern zu sprechen. Die Handlung des Romans baut sich aus einem Wechsel zwischen Interviews und Passagen, in denen der Leser dem Mörder bei seinen alltäglichen Verrichtungen „zusieht“ ohne dabei zu wissen wer er ist. Der Leser „puzzelt“ sich aus den Informationen, die er aus den verschiedenen Passagen gewinnt almmählich ein Bild über die dramatischen Hintergründe und Beziehungen zwischen den Dorfbewohnern, die zu dieser grausamen Tat geführt haben. Der Leser ist selbst dazu aufgefordert zu filtern und zu entscheiden, welche Informationen wichtig und welche nur nebensächlich sind. Eins ist gewiss, dieses Buch fordert vollste Aufmerksamkeit und Konzentration. Begeleitet wird die Handlung durch ein Gebet, dass sich bis zum Ende des Buches zieht und die Handlungen an besonders spannenden Stellen unterbricht und nur noch spannender und dramatischer macht.Auf eine sehr feinsinnige und authentische Art lässt Andrea Maria Schenkel die verschiedenen Charaktere vom katholischen Dorfpriester bis zum bayrischen Bauern zum Leben erwecken. Sie bestätigt Klischees über das Landleben, ohne sie lächerlich oder albern wirken zu lassen und somit die herrlich dunkle und gedrückte Stimmung im Buch zu beseitigen. All diese Tatsachen lassen doch daran Zweifeln, dass ein so genial verfasster Krimi, das Ergebnis hausfraulicher Langeweile ist. Es liegt nahe, dass sich Frau Schenkel genauere Gedanken über den Aufbau ihrer Geschichte gemacht hat. Daran wäre ja auch nichts auszusetzen. Doch warum sollte sie dann behaupten, sie habe den Roman nur so „nebenbei“ geschrieben? Eine Sensation wäre das Buch so oder so gewesen. Auch wenn das Buch eindeutig durch seine Qualität besticht, so muss man zumindest das Ende kritisch beäugen. Frau Schenkel scheint in den letzten Kapiteln die Luft ausgegangen zu sein. Zu früh wird zu offensichtlich wer der Mörder ist. Keinerlei Aha-Effekt wie es bei „Sherlock Holmes“ der Fall gewesen wäre. Der Leser quält sich durch die letzten Seiten. Der Mörder ist bekannt, es erfolgt die reine Schilderung der Motive. Mit dem letzten Satz versucht die Autorin noch einmal die Spannung zu heben, doch es ist zu spät. Der Leser hat den Satz überlesen und hat das Buch bereits zugeschlagen und zur Seite gelegt. Severin Bunse